Lieblingstochter

Elia streift die Unebenheiten ihrer Uniform glatt und betrachtet sich lächelnd im Spiegel. Schwer drückt sich der Waffengurt in ihre schmalen Schultern. Sie dreht sich hin und dreht sich her, als langsam die halboffene Tür aufgedrückt wird.
Ganz vertieft in ihr Pergament sieht Rea erst die langen schwarzen Uniformstiefel, bevor sie stirnrunzelnd aufblickt.
„Was hast du vor?“, fragt Rea verwirrt.
Elia erklärt mit hochgezogener Nase: „Vater beruft seine Generäle ein und er will, dass ich dabei bin.“
„Du?“
„Ja, ich!“, erwidert sie schnippisch, „Wer sollte denn gehen an meiner statt? Etwa du?“
„Ja!“
„Oder Olan? Ihr seid doch beide Sympathisanten des Feindes.“
„Das ist nicht wahr!“
„Nein? Du liest verbotene Bücher aus Sherenddus Bibliothek! Allein das ist schon Verrat an deinem König!“, tadelt Elia die Ältere.
„Du hast mein Zimmer durchwühlt?“
Ihr langgezogenes, selbstverständliches „Ja“ provoziert.
Mit großen Augen realisiert Rea: „Und du hast es Vater erzählt.“
„Natürlich! Wie könnte ich anders. Er muss doch wissen, wem er vertrauen kann.“ Elias schwarze Augen funkeln bösartig.
„Immerhin weiß ich jetzt, wem ich vertrauen kann“, presst Rea scharf hervor. Ihre Wut legt sich wie eine Maske über ihre Trauer.

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